Carl-von-Ossietzky-Gymnasium Bonn

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Home Geschichte Rede des ehemaligen Schulleiters Dr. Poseck zur Umbenennung unserer Schule

Rede des Schulleiters

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Auszüge aus der Begrüßungsrede des damaligen Schulleiters, Herrn Dr. Posecks

Ich blicke zurück und rufe in Erinnerung:

Am 21. April 1989 - es war der letzte Unterrichtstag der Jahrgangsstufe 13 des Schuljahres 1988/89, des Jahres, in dem unsere Schule ihr 25jähriges Bestehen feiern konnte -, an eben diesem 21. April kamen wir in besonderer Erwartung in die Schule: die Schüler in froher Erwartung - es war ja der letzte Unterrichtstag der 13er - Lehrer und Schulleiter in zwiespältiger! Man weiß ja nie, was einem da so blüht, ist doch jede Abiturstufe an diesem Tag um besonders überraschende und unkalkulierbare Originalität bemüht, um sich der Schule möglichst unverwechselbar ins Gedächtnis zu schreiben, wobei Form und Inhalt uns nicht in jedem Falle beglücken.

An jenem 21. April also sahen wir ein verhängtes Schild an der Schuleinfahrt, die Kante der Eingangsüberdachung war gleichfalls verhängt, ebenso wie eine über Nacht errichtete Litfasssäule.

Ein Jux, ein Gag?

Was verbarg sich hinter den Tüchern?

Bald lüftete sich das Geheimnis: "Carl - von - Ossietzky - Gymnasium" - eine von der Jahrgangsstufe im Vorgriff vollzogene Benennung der Schule nach dem Häftling Nr. 562 des Konzentrationslagers Papenburg-Esterwegen und Friedensnobelpreisträger. Und die Gespräche nach der ersten Überraschung, in der die Einordnung in die üblichen Gepflogenheiten eines letzten Unterrichtstages nicht gleich gelang, zeigten alsbald das sehr ernste Engagement der Jahrgangsstufe, die intensive vorangegangene Auseinandersetzung mit Carl von Ossietzky, die außergewöhnlich große Mehrheit, die sich für ihn ausgesprochen hatte, die starke Identifikation mit dieser Schule, die man in ihrem Jubiläumsjahr nach einer herausragenden Persönlichkeit benennen wollte.

Auffallend, indes nicht verwunderlich war, in welcher Breite und mit welch engagierter Bereitschaft die anderen Schüler sich hinter den Vorschlag der 13er stellten.

In dieser Situation stand viel auf dem Spiel!

Den Schülern musste glaubwürdig und nachvollziehbar vermittelt werden, dass eine Namensgebung auch bei so ernst gemeintem Engagement nicht im Alleingang, gleichsam unter Schaffung vollendeter Tatsachen, vorgenommen werden könne. Sie mussten akzeptieren, dass die Mitwirkungsrechte aller an der Schule beteiligten Gruppen, vor allem auch die Rechte des Schulträgers, zu wahren seien.

Es musste ihnen vermittelt werden, dass dies ein langwieriger Prozess der Information und der Meinungsbildung, der Erörterungen und der Beschlussfassungen sein würde, und sie mussten zugleich die Gewissheit haben, dass dieser Prozess offen, transparent und in gutem demokratischen Stil sich vollziehen würde.

Mit Dankbarkeit kann ich heute feststellen, dass über alle Meinungsunterschiede hinweg in dieser Schule die Auseinandersetzung mit Fairness und in Achtung vor anderen Positionen mit guter Konfliktkultur, mithin in guter demokratischer Kultur geführt worden ist - und das hat ohne Zweifel auch und nicht zuletzt eine pädagogische Dimension!

In der von den Abiturienten des Jahre 1989 angeregten, von den Mitwirkungs- und Entscheidungsgremien der Schule und des Schulträgers nach ausgiebiger Erörterung beschlossenen Benennung dieses Gymnasiums nach Carl von Ossietzky sehe ich in erfreulicher Weise Toleranz, intellektuelle und politische Weite und Reife verwirklicht. Hierin wird das Bemühen erkennbar, Ossietzky historisch wie menschlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ihn zu sehen vor dem Hintergrund der Bedrängnisse und bedrohlichen Herausforderungen seiner Zeit, seine Sorge um die verhängnisvolle Entwicklung in Deutschland zu verstehen. Wie kaum ein anderer hat er das gewalttätige Heraufziehen der Barbarei erkannt und konnte doch das, was dann wirklich geschah, nicht voll ermessen.

Besonders hoffnungsvoll stimmt mich, dass Angehörige der jungen Generation - und es sind sehr konkret unsere Schüler, unsere Kinder - sensibel und wach sich in Identifikation mit ihrer Schule für einen Menschen entschieden haben und hierbei Gehör und Zustimmung fanden, der in zwingender Konsequenz der von ihm verwirklichten Identität von Denken und Handeln von seinem Land Unheil abzuwenden und dem Unrecht zu widerstehen versuchte, der selbst zu einem der frühen Opfer wurde.

Hier wird Geschichte nicht verdrängt oder abgeschüttelt, weil sie schmerzend unbequem ist, weil man mit ihr nichts zu tun haben will, weil sie als Sache der Großväter als abgeschlossen gilt. In dem Bekenntnis zu dem Konzentrationslagerhäftling Nr. 562 haben sich Angehörige der jungen Generation der niederdrückenden Bürde dieser heillosen Epoche deutscher Geschichte bewusst gestellt, haben mitfühlend ihre "Fähigkeit zu trauern" kundgetan.

Wenn diese Schule den Namen "Carl-von-Ossietzky-Gymnasium" trägt, dann erkennt sie damit das Engagement für Menschenwürde und Menschenrechte, für Freiheit und Demokratie, für soziale Gerechtigkeit, Recht und Rechtsstaatlichkeit, für Völkerverständigung und Friedenssicherung im Sinne der Lebensleitlinien Carl von Ossietzkys als richtungweisend und verpflichtend an.

 

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